Schlechte Feministin

Das Schlimmste an der Tatsache, dass ich als Frau nicht ernst genommen werde, ist nicht, dass es wahrscheinlicher ist, dass ich bei einem Autounfall eher drauf gehen würde als mein Mann. Das Schlimmste am Benachteiligtsein ist nicht, dass ich weniger Geld für gleiche oder sogar mehr Arbeit verdiene. Das Schlimmste am Thema Feminismus ist nicht das Augenrollen, wenn ich darüber spreche. Es ist auch nicht das Gefühl, mich für meine Periode schämen zu müssen. Oder die Tatsache, dass ich Sex mag und es sich ja eigentlich „nicht ziemt“ als Frau und besonders Mutter dazu zu stehen. Das Schlimmste ist nicht, dass ich besonders beliebt bin, wenn ich schön, leise und zart bin. Es ist nicht das Gefühl, zickig, launisch oder anstrengend zu sein, wenn ich laut bin. Das Schlimmste ist nicht mal, dass ich nicht eine einzige Frau kenne, die nicht irgendwann einmal sexuell belästigt, genötigt oder sogar vergewaltigt wurde. Das Schlimmste ist nicht, dass ich ständig benachteiligt, übersehen und überhört werde, obwohl da draußen tausende von Frauen sind, die gerade morden würden, nur um an meiner priviligierten, bequemen Stelle sein zu können.

Das Schlimmste ist, dass ich all die Scheiße, all die unterschwelligen Ungerechtigkeiten und all die sexistischen Probleme schon als normal anerkenne. Das Schlimmste ist, dass es mich VIEL mehr ankotzen müsste und es das aber oft nur kurz tut. Weil da halt mein Alltag ist. Und der ist ja recht gemütlich. Weil da halt meine eigenen Ambitionen, Wünsche und Träume sind, die ich offensichtlich als wichtiger erachte als die großen Probleme dieser Welt. Weil da halt Schwäche ist, die es mir manchmal unmöglich macht überhaupt noch für irgendwas zu kämpfen. Und Leute, das zuzugeben, tut verdammt weh. Weil die ganzen verdammten, oben beschriebenen Missstände eben nur bekämpft werden, wenn auch jemand dafür einsteht. So richtig meine ich. Mit Herzblut, Leidenschaft und Tatendrang. Mit Wissen, Ambition und Kampfgeist. Das Schlimmste ist, dass etwas tief in mir drin zu irgendeinem Zeitpunkt meines Lebens verinnerlicht zu haben scheint, dass ich weniger wert bin als ein Mann. Ganz still und heimlich. Irgendwo tief in meinem Unterbewusstsein. Puh, erstmal sacken lassen.

Das Schlimmste ist, dass ich mich selbst immer noch unterordne, mich frage „Ja, was will ich denn eigentlich noch? Vor einigen Jahren wäre das noch überhaupt nicht möglich gewesen für eine Frau. Sei jetzt verdammt nochmal einfach dankbar!“ Das Schlimmste ist, dass ich selbst – obwohl ich so freiheitsliebend bin, obwohl ich Gleichberechtigung für so wichtig erachte und alle Menschen für so wertvoll halte – glaube, dass es schon ganz schön nervig sein kann, dass immer wieder zu wiederholen. Diesen „Feminismus-Kram“ meine ich. Das Schlimmste ist, dass ich als Frau manchmal immer noch glaube, Männern etwas wegzunehmen wenn ich gleichberechtigt sein will. Dass ich sie benachteilige und männerfeindlich bin. Das Schlimmste ist, dass ich als Repräsentantin einer ganzen riesigen Gruppe nicht stark und laut und sicher genug bin, um mir zu nehmen, was mir zusteht. Geld, Verantwortung, Sicherheit, Macht. Das Schlimmste ist, dass ich selbst so sehr Teil des Systems bin, das mich klein, leise und unmündig hält. Das Schlimmste ist die Angst, das an meine Tochter weiterzugeben. Dafür verantwortlich zu sein, dass mein Sohn sich irgendwann schuldig fühlt. Die Angst, dass ich trotz aller Aufklärung und Arbeit niemals wirklich etwas ändern kann. Dass ich mir selbst – und das ist eben so ironisch: als Frau – im Weg stehe.

Das Schöne aber ist: all diese Gefühle sind nicht immer da. Nein, ich arbeite daran. Für mich. Und dich. Für unsere Töchter. Und unsere Söhne. In kleinen Schritten. Mit so oft genervtem Blick wenn ich in den Spiegel schaue, weil ich manchmal glaube, ich müsste schon viel weiter sein. Aber ich arbeite daran. Und die meiste Zeit glaube ich daran, dass wir Frauen all das wert sind, dass wir all das, was wir fordern auch verdient haben. Nicht, dass es da überhaupt eine Alternative geben würde. Nicht, dass es nicht total bescheuert wäre, jemals etwas anderes zu glauben. Ich glaube daran. Trotz der verrückten Glaubenssätze, die Filme, Medien, Geschichte, Gesellschaft, Politik, Unternehmen, Männer und auch Frauen so lang in mich injiziert haben und immer noch injizieren. Weil sie davon profitieren. Oder es selbst nicht besser wissen. Ich glaube daran. Weil das wichtigste nun einmal ist und immer sein wird, dass wir Frauen selbst daran glauben, dass wir mehr verdient haben, als wir aktuell bekommen.