Ganz schön mutig.

Manchmal gefällt es mir so gut, nicht zu wissen, wo ich hingehöre. Ich lasse mich treiben, komme irgendwo an, bleibe dort oder treibe einfach weiter. Ich lasse mich fallen und riskiere, nicht aufgefangen zu werden. Ich gebe mich dem Leben einfach so hin. Denke an diesen großartigen Anblick unserer Erde. Weit weg, vom Weltall aus. Du weißt, welches Bild ich meine, oder? Kannst du dir diese Stille vorstellen? Diese absolute Bewusstwerdung der Nichtigkeit unserer Probleme? Aber dann. Überall Stimmen. Immer wieder gleich.

„Was machst du so im Leben?“

„So ganz ohne Plan? Das könnte ich nicht.“

„Aber wie geht es denn dann jetzt weiter mit dir?“

„Oh Gott, ich hätte solch eine Angst vor der Ungewissheit.“

„Hast du denn wirklich gar kein bestimmtes Ziel?“

„Ist das alles nicht ganz schön riskant?“

Es nervt mich so. Und gleichzeitig verstehe ich es wirklich unfassbar gut. Ich verstehe euch alle. Eure Fragen, eure Bedenken, eure Zweifel. Und gleichzeitig macht es mich wütend, weil ich mich frage, wo eure Offenheit bleibt. Eure Begeisterung. Eure kindliche Neugier. Wie könnt ihr die ganzen Hollywood-Blockbuster schauen, in denen es um Freiheit und Mut geht, und dann doch nur Zuschauer bleiben? Wie könnt ihr die Bücher lesen, die Songs hören, davon angesteckt werden und dann doch nicht verstehen, warum ich ausbreche? Wenigstens mal kurz? Wenigstens für einen winzigen Moment.

Ich gelte als mutig, weil ich mich nackt zeige. Mutig, weil ich über Sex rede. Über Gefühle. Weil ich euch tiefer schauen lasse. Mutig, weil ich euch zeige, wer ich bin. Weil ich mich ungeplant verliebe. Mutig, weil ich mein verhasstes Studium abbreche und den mittelmäßigen Job kündige. Weil ich das Land verlasse. Und das ist ja noch lange nicht alles. Das ist ja erst so ein kleiner Teil. Noch so viel mehr möchte ich zeigen. Werde ich zeigen. Ausbrechen aus diesem Gefängnis, in das wir uns alle selbst sperren. Aus Angst. So viel Angst überall. Und ich gelte als mutig? Ich habe doch selbst noch immer unfassbare Angst. Ich tue das alles aber trotzdem. Ich rede und zeige, denke laut und denke weiter. Springe über meinen Schatten und mache, obwohl sich mir vor lauter Angst manchmal der Magen umdreht.

Ich weiß, ihr könnt nicht anders. Konnte ich auch nicht. Hier ist kein erhobener Zeigefinger, keine Arroganz. Ich war ein Teil von euch, bin es immer noch. Ich frage euch daher nochmal: wo ist eure Offenheit? Eure Begeisterung? Eure kindliche, unvoreingenomme Neugier?

Ihr seid viel mutiger als ich. Ihr entscheidet euch und bleibt dabei. Manchmal sogar für immer. Ihr justiert nicht, scheitert wenn überhaupt nur im Kleinen, seid souverän und bodenständig. Ihr habt einen Plan, an den ihr euch haltet. Ihr geht nicht über Grenzen, schaut der Angst wirklich nur im Notfall ins Gesicht. Ihr habt Routinen, an die ihr euch klammert. Wiederholungen. Immer und immer wieder. Sicherheit an jeder Ecke. Gegen Diebstahl, Feuer und ein gebrochenes Herz. Wie mutig ihr seid.