Erwachsen oder Entwachsen?

Ein Mädchen wird erwachsen. Das ist, wie ihr in meinem Claim lesen könnt, das große Thema meines Blogs. Und auch in meinem Leben. Immer und immer wieder. Aber: erwachsen werden mit 30? Bin ich dafür nicht zu alt?

Erwachsen. Das bin ich nicht. So sehe ich das jedenfalls. Zu leise, zu unsicher, zu unerfahren, zu ängstlich. Ich muss mich viel öfter trauen, meine Frau stehen, in gewisser Hinsicht unerschütterlich werden, alles im Griff haben. Vielleicht ist Erwachsensein jedoch, so wie wir uns das oft bilderbuchhaft vorstellen, auch gar nicht möglich? Hören wir denn jemals auf, Zweifel zu haben? Sind wir dann vollkommen und haben alles gelernt? Unsere Fehler nur noch in dichten Nebel gehüllte Erinnerungen, die einmal ein Teil von uns waren? Stehen wir zu irgendeinem Zeitpunkt tatsächlich über all den Dingen, die uns sonst solch ein Kopfzerbrechen bereitet haben?

Sind wir erwachsen oder lediglich denjenigen Dingen entwachsen, die sowieso nur Hülle waren?

Ich lerne. Unerwarteter Weise gerade jetzt. Mit 30. Mit zwei Kindern, einem Ehemann und einem verkauften Haus. Und irgendwie habe ich mir das alles anders vorgestellt. Reifer. Klarer. Wissender. Das, was früher der Inbegriff des Ankommens war, enthüllt langsam und gemächlich sein wahres Potenzial. Anders werden, größer denken, zusammenhängender verstehen. Und doch gar nichts wissen. Welch Ernüchterung! Ich habe mich immer so gefreut auf diesen großen Moment, in dem ich die für mich wichtigsten Dinge erreicht habe. Dieser Augenblick, in dem ich mir die Jugend anschaue und mitleidig lächle, weil ich weiß, wie viel weiter ich schon bin. Und irgendwie ist es wirklich passiert: ich bin weiter. Und doch bin ich genau dieselbe. Habe so viel gemeinsam mit dem 16-jährigen Mädchen auf der Straße, das viel zu oft den Mund hält, sich im Strom zwar nicht wohler, dafür aber leichter fühlt und sich fragt, wo die Reise des Lebens wohl hingehen soll. Es hört einfach nicht auf, dieses Suchen. Das Justieren, Abbrechen, Scherben aufsammeln und aus eben diesen etwas schöneres als zuvor bauen.

Ich bin nicht erwachsen. Werde es vielleicht niemals sein. Aber ihr seid hier. Und ich bin es. Und wir entwachsen gemeinsam, wenn auch nebeneinander, einander fremd, all den Dingen, die nicht mehr passen. Die zu viel und zu wenig sind, die uns einschränken und zu wenig halten. Die zu viel nehmen und zu wenig geben. Freunde, Familienmitglieder, Beziehungen, Jobs, Denkmuster, Gewohnheiten, Routinen. Ich lasse los und nehme auf. Ich entwachse, um erwachsen zu werden.

Liebste Grüße, Verena