Warum Cinderella endlich erwachsen werden muss

Ich liebe Prinzessinnen. Schon immer bewunderte ich dieses typische Klischee von Schönheit, Anmut, Reichtum, Sorglosigkeit und mädchenhafter Weiblichkeit. Hätte man mich als Kind gefragt, wäre ich von Beruf am liebsten immer Prinzessin geworden. Prinzessin oder eben Britney Spears. Was im Prinzip für mich eigentlich dasselbe war. Nun ja, ich bin nicht mehr dieses kleine Mädchen, liebe jedoch immer noch das Bild der Prinzessin, die mit einem Lied auf den Lippen allen giftigen Äpfeln, bösen Hexen und Monstern trotzt. Die die Hoffnung nicht verliert, positiv ins Leben hinaus geht und stets an das Gute in Allem und Jedem glaubt. Im Grunde genommen bin ich nämlich genau das geworden. Eine Optimistin, die sich trotz Rückschlägen, Tränen, RTL und PMS nicht unterkriegen lässt. Wie jede Sache im Leben hat aber auch dieses Bild der hübschen, gutgläubigen, immer fröhlichen Prinzessin eine Schattenseite, die mit den Jahren für mich immer problematischer wurde. Cinderella, was ist eigentlich los mit dir? Du lebst jahrelang gehalten wie eine Sklavin, putzt, wirst beschimpft und eingesperrt – und dein einziges Ziel ist es, auf diesen Ball zu gehen und mit diesem Typen zu tanzen? Und du, Schneewittchen? Wirst fast von einem Auftragsmörder erstochen, kannst entfliehen und machst dir danach nicht mal einen Plan? Backst Kuchen für sieben kleinwüchsige Kerle, die dich wie Kinder anschmachten, aber zum Teil nicht mal Bock auf deine Anwesenheit haben? Und was ist eigentlich mit dir, Aurora? Liegst da so rum, während dein Prinz, der dich eigentlich gar nicht kennt, die ganze Drecksarbeit machen muss. Und genau das haben sie alle gemeinsam, diese typischen Prinzessinnen, die meine Kindheit geprägt haben. Hab‘ nur Geduld und Vertrauen und dann kommt dein Prinz und regelt alles. Egal wie schwer die Katastrophe, es reicht eine Portion Zuversicht und ein Schönling, der Hals über Kopf in dich verliebt ist. Das Prinzessinnen-Bild hat sich mit der Zeit Gott sei Dank stark verändert. Disney hat uns Vorbilder wie Jasmin, Arielle und Pocahontas geliefert. Später Mulan und Merida. Frauen/Mädchen, die ausbrechen, sich was trauen und ihr Glück wenigstens zum Teil selbst in die Hand nehmen. Mein Bild und ein damit verbundener, ganz tief verwurzelter, größtenteils unbewusster Glaubenssatz sind aber leider für lange, lange Zeit geblieben. „Mach‘ dich hübsch, tu‘, was von dir erwartet wird, sei charmant und süß, lass‘ den Kopf nicht hängen und denk‘ immer schön daran, niemandem weh zu tun. Und am wichtigsten: egal was passiert, dein Prinz wird schon kommen und dich retten!“ Alles total niedliche Geschichten, aber vielleicht hätte ich ab und zu mal hören müssen, dass das nicht das sein kann, wofür ich gemacht bin. Nun ja, auch egal, dann habe ich es mir halt selbst beigebracht. Und genau darum geht es ja eigentlich. Ich muss mein Glück selbst in die Hand nehmen, muss auf mein Bauchgefühl vertrauen, mich selbst retten. Und dann kann ich wählen. Ich kann Zuhause sein, bei den Kindern oder beim Hund. Kann mich um Haus und Hof kümmern oder um mein Home Office. Ich muss keine Kinder haben. Und einen Mann auch nicht. Ich kann Karriere-Frau und ewiger Single sein. Alleinverdienerin und CEO. Ich kann dem alten Rollenbild entsprechen oder ganz modern sein. Mehrere Partner haben. In einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben und heiraten. Oder es bleiben lassen. Umherreisen. Bilder ins Internet stellen, die mich halbnackt zeigen. Mich mit Politik beschäftigen oder Fußball. Oder der Farbe meiner Fingernägel. Ich kann das alles. Theoretisch zumindest. Der gesellschaftliche Druck ist immer noch hoch. Ich merke, dass Themen wie Gleichheit, Unabhängigkeit und Vielfalt zwar in aller Munde, aber noch lange nicht selbstverständlich sind. Können sie ja auch nicht, wenn wir nicht alle mehr darüber sprechen. Menstruation, Masturbation, Sex. Kein Mensch möchte darüber sprechen, insbesondere wir Frauen. Selbst Frauenmagazine sträuben sich immer noch. Alles nicht cool und sexy genug. Aber auch da gilt: wir müssen unser Glück selbst in die Hand nehmen. Lasst uns über den Tellerrand blicken, mit Dingen beschäftigen, die WIRKLICH wichtig sind, auch mal Themen ansprechen, die nicht so sexy und süß wie ein Besuch beim Starfriseur oder der Sonnenuntergang auf Bali sind, zu unseren Körpern und unseren Gefühlen stehen, selbstbewusst und mutig sein. Werd‘ doch jetzt endlich mal erwachsen, Cinderella. Und du auch, Verena.